BEST OF: BEITRÄGE VON MF-EXPERTEN

Wenn Sie mehr über die Erkrankung Myelofibrose wissen wollen: Hier informieren führende Experten und geben das aktuelle ärztliche Wissen an Sie weiter – gut verständlich aufbereitet.

Porträt Prof. Dr. Nicolaus Kröger
Andre Berger

Über Fortschritte, Fingerspitzengefühl und die Kunst, den guten Zeitpunkt zu finden

Sechs Fragen an Prof. Dr. Nicolaus Kröger, Klinik für Stammzelltransplantation der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf
 

Porträt Psychotherapeutin Birgitt Hein-Nau
Andre Berger

„Warum die Seele bei Krebs so wichtig ist ...“

... und wieso manchmal auch die Angehörigen Hilfe brauchen.

Ein Interview mit der psychologischen Psychotherapeutin Birgitt Hein-Nau

Porträt Prof. Dr. Nicolaus Kröger
Andre Berger

Über Fortschritte, Fingerspitzengefühl und die Kunst, den guten Zeitpunkt zu finden

Sechs Fragen an Prof. Dr. Nicolaus Kröger, Klinik für Stammzelltransplantation der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf

Interview – 6 wichtige Fragen

1. Die erste erfolgreiche allogene Stammzelltransplantation ist ein gutes halbes Jahrhundert her. Lieber Herr Professor Kröger, was hat sich seither verändert?

Inzwischen wissen wir, dass bei der allogenen Stammzelltransplantation die Chemo vor allem ein Hilfsmittel ist, mit dem wir einem Patienten ein fremdes Immunsystem aufbauen können. Das heißt: Die der Transplantation vorgeschaltete Chemotherapie dient in erster Linie dazu, das Immunsystem des Empfängers so zu unterdrücken, dass die fremden Stammzellen anwachsen können und nicht abgestoßen werden. Die dauerhafte Beseitigung der Krebszellen erfolgt durch das mit den Stammzellen transplantierte, gesunde Immunsystem des Spenders. Die Herausforderung an die Ärzte ist, die richtige Balance zwischen Nutzen und Gefahren des neuen Immunsystems zu finden.

2. Was bedeutet das in der Praxis?

Die Gefahr ist, dass die Immunzellen des Spenders den Körper des Empfängers angreifen, was überwiegend die Organe Haut, Darm und Leber betrifft. Diese Immun-Antwort (Spender-gegen-Wirt-Krankheit oder Graft-versus-Host-Disease) müssen wir unterdrücken.

Andererseits sorgt genau diese grundsätzlich lebensgefährliche Reaktion dafür, dass unsere Patienten von Krebs geheilt werden, da diese Zellen auch die Leukämie- bzw. Myelofibrosezellen als „fremd“ erkennen und bekämpfen. Die Balance zwischen dem eher unerwünschten Effekt auf Haut, Darm und Leber und dem gewünschten Effekt auf Leukämie- bzw. Myelofibrosezellen kann durch die Dosierung der immunsuppressiven Medikamente gesteuert werden und erfordert viel Fingerspitzengefühl.

3. Bei welchen Formen der Myeloproliferativen Neoplasien (MPN) kommt die Transplantation der Stammzellen in Frage?

Bis zu Beginn des dritten Jahrtausends war die Chronische myeloische Leukämie eine der Hauptindikationen für eine Stammzelltransplantation. Das hat sich mit dem medikamentösen Fortschritt dramatisch geändert. Aufgrund der günstigen Prognose hinsichtlich des Überlebens ist die Polycythaemia vera (PV) bzw. die Essentielle Thrombozythämie (ET) in der Regel keine Indikation für eine Stammzelltransplantation. So bleibt die Myelofibrose (MF) die wichtige Indikation für die Stammzelltransplantation. An unserer Klinik ist die  Transplantation von MF-Patienten ein Schwerpunkt: Es werden jährlich zwischen 30 und 40 Betroffene allogen transplantiert.

4. Wie groß ist meine Chance auf Heilung bei der sogenannten allogenen Transplantation?

Die allogene Stammzelltransplantation, die überwiegend von passenden unverwandten Spendern oder von Geschwistern erfolgt, bietet für fast alle Formen von bösartigen Erkrankungen des Blutes die größten Heilungschancen. Aufgrund der Spender-gegen-Wirt- Krankheit ist sie aber auch die Therapie mit dem größten Risiko. Deshalb wird sie nur angewandt, wenn die Heilungsaussichten durch die Transplantation deutlich höher liegen als bei anderen therapeutischen Möglichkeiten.

5. Gibt es bei der MF einen optimalen Zeitpunkt für eine Transplantation?

Die Suche nach dem guten Zeitpunkt benötigt ein Abwägen aller persönlichen Chancen, aber auch Risiken entsprechend dem Krankheitsverlauf. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Risikoscores, mit denen man die ungefähre Lebenserwartung des Einzelnen anhand spezieller Risikofaktoren aufzeigen kann. In der Regel empfehlen wir die Transplantation bei Patienten unter 70 Jahren, wenn die Lebenserwartung unter fünf Jahren liegt. Doch jeder Fall muss individuell betrachtet werden.

6. Wie erfolgt die Transplantation und wie lange bin ich danach isoliert?

Die Stammzellen werden in der Regel frisch zu Ihnen gebracht und über 30 Minuten bis zwei Stunden über den zentralen Venenkatheter nach Abschluss der Konditionierungstherapie übertragen. Die Stammzellen suchen sich in den nächsten 12 bis 14 Tagen den Weg ins Knochenmark, wachsen dort an und nehmen die Arbeit auf. Da das alte Knochenmark durch die vorherige Chemotherapie die Blutbildung eingestellt hat, fallen die Blutwerte nach Transplantation kontinuierlich ab. Keimfreie Ernährung und Luftfiltration als Isolationsmaßnahmen schützen vor Infektionen. Besucher sind weiter gern gesehen, müssen nur Schutzkittel und Mundschutz tragen. Wenn nach 14 Tagen die neuen Leukozyten (weiße Blutzellen) angewachsen sind, wird die Isolation aufgehoben. Der Patient kann das Zimmer verlassen. Vor der Entlassung werden die vielen Medikamente auf Tabletten umgestellt, ehe die Behandlung ambulant fortgeführt wird.

Porträt Psychotherapeutin Birgitt Hein-Nau
Andre Berger

„Warum die Seele bei Krebs so wichtig ist ...“

... und wieso manchmal auch die Angehörigen Hilfe brauchen.

Ein Interview mit der psychologischen Psychotherapeutin Birgitt Hein-Nau

Interview

Bei bösartigen Erkrankungen des Blutes stehen oft massive körperliche Beschwerden im Vordergrund. Welchen Sinn macht da überhaupt „sanfte“ Psychoonkologie?

Unsere Erfahrung ist, dass viele psychisch vollkommen unvorbelastete Menschen allein durch die Diagnose „Krebs“ in eine existentielle Ausnahmesituation geraten. Hier spielen Stimmungsschwankungen, Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit eine ganz wichtige Rolle – bis hin zur Einschränkung kognitiver Fähigkeiten. Unser Anspruch als Psychoonkologen ist es, den Patienten in jeder Krankheitsphase psychisch so zu stärken, dass er in der Lage ist, seine Diagnose anzunehmen, sich aktiv an der Behandlung zu beteiligen und so letztendlich die Krankheitssituation und die Auswirkungen der Behandlung zu bewältigen. Dafür ist es wichtig, dass wir Patienten, die am Anfang ein hohes Maß an Belastung zeigen, möglichst bald psychoonkologisch helfen, um ungünstige Verläufe zu vermeiden.

Können Sie ein konkretes Beispiel für einen ungünstigen Verlauf geben?

Wenn Sie zum Beispiel permanent grübeln, Ihre Gedanken ständig um die eigene Erkrankung kreisen, ist das zwar verständlich, führt aber zu keinem Ergebnis. Ein weiteres Beispiel ist, wenn Sie „heldenhaft“ versuchen, Gefühle zu unterdrücken; wenn Sie so tun, als ob Sie überhaupt keine Angst oder existentielle Sorgen kennen. Das führt später häufig dazu, dass die unterdrückten, ängstlichen Gedanken immer stärker werden. Auch zum Beispiel, wenn Sie aufgrund der schwerwiegenden Diagnose konsequent versuchen, Belastungen im Rahmen der Therapie aus dem Weg zu gehen, führt das dazu, dass Sie schlechtere Karten haben. Ein therapietreuer Patient, der regelmäßig seine Medikamente nimmt, sich regelmäßig beim Arzt vorstellt, sich aufmerksam selbst beobachtet – und die Beobachtungen mitteilt –, hat klar die besseren Überlebenschancen.

„Hier spielen Stimmungsschwankungen, Angst, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit eine ganz wichtige Rolle –
bis hin zur Einschränkung kognitiver Fähigkeiten.“

Wann ist der beste Zeitpunkt, mich an einen Psychoonkologen zu wenden?

Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Wir gehen davon aus, dass ein psychisch unvorbelasteter Patient im Verlauf seiner Erkrankung mit durchschnittlich zehn bis zwölf Terminen ganz gut zurechtkommt. Unterschiedlich ist allerdings der Zeitpunkt der psychoonkologischen Intervention. Es gibt Patienten, die brauchen am Anfang Unterstützung zur Erststabilisierung. Andere benötigen gerade im Rahmen der laufenden Therapie mentale und emotionale Stärkung. Dritte greifen auf unser Angebot vorrangig nach Bewältigung der Grunderkrankung – z. B. bei CML nach Erreichen der kompletten Remission – zur Einordnung der Geschehnisse zurück.

Sicherlich stellt die Diagnose Krebs für Angehörige – insbesondere Partner – ebenfalls eine erhebliche seelische Belastung dar?

Tatsächlich gehörte in meiner Zeit in Köln von Anfang an die seelische Stärkung der Angehörigen mit zum Aufgabengebiet des Psychoonkologen. Denn in den meisten Fällen verändert sich durch die Diagnose Krebs auch das Leben der Partner fundamental. Es kommt zu erheblichen Zusatzbelastungen. Viele Partner geben seelischen Beistand, verbringen Stunde um Stunde im

„Andererseits ist es für den Partner ganz wichtig, im geschützten Umfeld auch mal über die eigenen Bedürfnisse, Sorgen
und Nöte zu sprechen und Zentrum des Interesses zu sein.“

Krankenhaus, übernehmen pflegerische Dienste, nehmen am Patient-Arzt-Gespräch teil. Insofern muss sich auch der Partner an eine völlig neue Situation anpassen. So drohen auch hier Störungen durch Überforderung, Angst und Stress – zum Beispiel wenn bei Angehörigen so viel Verunsicherung da ist, dass sie dem Patienten fatalerweise überhaupt nichts mehr zutrauen, ihm alles abzunehmen versuchen und ihn damit kränker machen, als er eigentlich ist. Andererseits ist es für den Partner ganz wichtig, im geschützten Umfeld auch mal über die eigenen Bedürfnisse, Sorgen und Nöte zu sprechen und Zentrum des Interesses zu sein.

Wie komme ich als Angehöriger zum Psychoonkologen?

Häufig bieten zertifizierte Krebszentren diesen Teilbereich der Psychoonkologie an. Im ambulanten Bereich ist die psychoonkologische Versorgung der Angehörigen am besten über die Krebsberatungsstelle organisiert.