WAS IST EINE MYELOFIBROSE?

Myelofibrose: eine seltene Erkrankung des Knochenmarks

Sie haben die Diagnose Myelofibrose erhalten? Dann wissen Sie eventuell bereits, dass MF – so die Kurzform – eine chronische Erkrankung des Knochenmarks ist. Dabei wird das blutbildende Knochenmark (lat. Myelo) durch Bindegewebe ersetzt und verfasert (lat. Fibrose). Die Verfaserung schreitet immer weiter voran.

Verbunden ist dies mit einer Veränderung der Zahl der Blutzellen: Zuerst werden zu viele produziert, später mit zunehmender Verfaserung immer weniger.

Die Myelofibrose kann entweder als primäre  Myelofibrose (PMF), das heißt ohne direkte  Vorerkrankung auftreten (de novo). Oder sie entsteht aus einer Polycythaemia vera (PV) oder einer Essentiellen Thrombozythämie (ET) und wird dann als sekundäre Myelofibrose bezeichnet.

Die MF gehört zur Gruppe der „seltenen Erkrankungen“: Pro Jahr erkrankt etwa einer von 100.000 Menschen an der Veränderung des Knochenmarks. Meist sind ältere Menschen betroffen: Im Durchschnitt wird die Myelofibrose in einem Alter von 65 Jahren diagnostiziert. Insgesamt sind etwa 90 Prozent der Erkrankten älter als 46 Jahre. Männer sind mit etwa 65 % häufiger betroffen als Frauen.

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Was geschieht bei einer Myelofibrose?

Die ganz genauen Ursachen der Myelofibrose sind noch nicht bekannt. Experten gehen aber davon aus, dass es sich um eine Veränderung der Stammzellen im Knochenmark handelt. Dies hat zwei Konsequenzen:

  • die Störung der Blutbildung
  • die Verfaserung des Knochenmarks

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Gesunde Stammzellen und Blutbildung
Wie gesunde Stammzellen und die Blutbildung funktionieren, erfahren Sie unter Die normale Blutbildung

Was für eine Störung der Blutbildung liegt bei der MF vor?

Durch einen Defekt der blutbildenden Stammzellen im Knochenmark werden bei der Myelofibrose zunächst zu viele weiße Blutkörperchen (Leukozyten) und Blutplättchen (Thrombozyten) sowie zu viele ihrer Vorläuferzellen im Knochenmark gebildet. Dies nennt man Leukozytose und Thrombozytose.

Von der Myelofibrose betroffene Blutzellen

Leukozyten und Thrombozyten
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Eine Überproduktion von Blutzellen findet auch bei anderen Erkrankungen aus der Gruppe der sog. Myeloproliferativen Neoplasien (MPN) statt, zu denen die Myelofibrose zählt. Hier erfahren Sie mehr: Kennzeichen MPN: die Überproduktion von Blutzellen

Wie kommt es zur Verfaserung des Knochenmarks?

Die Zellen der Blutbildung enthalten bestimmte Wachstumsfaktoren. Werden krankhaft viele Blutzellen im Knochenmark produziert, kommt es auch zur vermehrten Ausschüttung von solchen Wachstumsfaktoren.

Diese wiederum stimulieren im Knochenmark befindliche Zellen, die Bindegewebe produzieren. Durch die zunehmende Verfaserung verödet das Knochenmark immer mehr und es können immer weniger reife und funktionsfähige Blutzellen gebildet werden.

Blutbildung wandert ab: vom Knochenmark in die Milz

Im Verlauf der Myelofibrose finden sich im Knochenmark viele unreife Vorläuferzellen der roten und weißen Blutkörperchen sowie krankhaft geformte Blutzellen. Der Körper versucht diesen Mangel an funktionsfähigen Blutzellen auszugleichen. Daher kommt es zu einer außerhalb des Knochenmarks stattfindenden Blutbildung: Vor allem in der Milz und teilweise auch in der Leber werden nun zusätzlich Blutzellen produziert. Infolgedessen vergrößern sich Milz und Leber.

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Hier erfahren Sie, welche Veränderungen bei der Myelofibrose im Knochenmark vorgehen und wie die Blutbildung dadurch eingeschränkt wird: Veränderungen im Knochenmark bei  Myelofibrose

Genetische Defekte – mögliche Ursachen für Myelofibrose

Auch eine genetische Veränderung auf dem Chromosom 9 kann bei der Entstehung der Myelofibrose eine Rolle spielen. Die JAK2-Mutation ist die genetische Veränderung eines Enzyms, der    sogenannten Januskinase (JAK). Enzyme sind Eiweiße, die biochemische Prozesse steuern.

Das Enzym fungiert normalerweise als „Schalter“ für die Zellvermehrung, der sich je nach Bedarf abwechselnd ein- und ausschalten kann. Die genetische Veränderung (Mutation) der Januskinase  führt jedoch dazu, dass dieser „Schalter“ immer eingeschaltet ist. Infolgedessen werden vermehrt Blutzellen gebildet.

Die Mutation liegt bei rund der Hälfte der an Myelofibrose Erkrankten vor. Ob ein direkter Zusammenhang zwischen dieser Mutation und der Myelofibrose besteht, ist bislang noch unklar.

WAS MACHT DIE MF GEFÄHRLICH?

Das Risiko ist individuell verschieden

Die Myelofibrose ist eine stetig voranschreitende Erkrankung. Der Verlauf hängt ganz von Ihren individuellen Risikofaktoren zum Zeitpunkt der Diagnose ab. Je nachdem, wie die persönlichen Risikofaktoren ausfallen, gehören Sie einer von vier Risikogruppen an, die von Experten definiert wurden.

Übergang in eine Akute Myeloische Leukämie

Im Verlauf der Myelofibrose kann die Erkrankung in eine Akute Myeloische Leukämie (kurz AML) übergehen. Der klinische Verlauf einer Myelofibrose ist sehr heterogen. Das Überleben liegt bei ca. 3,5 bis 5,5 Jahren (median). Bis zu 10 % der Patienten entwickeln ein myelodysplastisches Syndrom (MDS) oder eine Akute Myeloische Leukämie. Das Überleben von AML-Patienten ist deutlich reduziert.

Leukämien sind Erkrankungen der Blutzellen, die vom blutbildenden Knochenmark ausgehen. Akut bedeutet, dass diese Art schnell und heftig verläuft. Im Gegensatz zu den chronischen Formen der Leukämie verlaufen die akuten ohne Behandlung innerhalb von Wochen bis wenigen Monaten tödlich.

WAS SIE TUN KÖNNEN

Um Komplikationen wie eine Akute Myeloische Leukämie rechtzeitig zu erkennen und behandeln zu lassen, ist es wichtig, dass Ihr Arzt regelmäßig den Verlauf der Erkrankung  kontrolliert.

WIE VERLÄUFT DIE MF?

Wie die Myelofibrose bei Ihnen verläuft, hängt von verschiedenen Voraussetzungen ab. Vor allem die Risikogruppe, in der Sie sich befinden, und auch die Phase der Erkrankung bzw. wie weit die Verfaserung des Knochenmarks schon fortgeschritten ist, spielen eine Rolle für die spezifischen Vorgänge im Körper.

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Die Einteilung in Risikogruppen wurde von internationalen Spezialisten für die Erforschung und Behandlung der Myelofibrose vorgenommen. Lesen Sie mehr unter:

Die vier Risikogruppen bei der Myelofibrose

FRÜHE PHASE: Die Blutzellen vermehren sich

In der frühen Phase der Erkrankung bilden sich zunächst vermehrt Blutzellen. Bei einer Myelofibrose sind in erster Linie die Blutplättchen (Thrombozyten) und die weißen Blutkörperchen (Leukozyten) von der Überproduktion betroffen. Je nach Art der Blutzellen bezeichnet man diese Veränderungen im Blut als:

  • Thrombozytose: Erhöhte Anzahl der Blutplättchen (Thrombozyten)
  • Leukozytose: Erhöhte Anzahl der weißen Blutkörperchen (Leukozyten)

Die Blutbildung erfolgt in der frühen Phase der Myelofibrose hauptsächlich im Knochenmark, das zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend funktioniert. In dieser frühen Phase kann es bereits zu einer Vergrößerung der Milz kommen, da diese am Abbau der übermäßig produzierten Blutzellen beteiligt ist.

SPÄTE PHASE: Zu wenige Blutzellen und körperliche Beschwerden

In der späten Phase ist das blutbildende Knochenmark weitgehend durch Bindegewebe ersetzt: Es liegt eine ausgeprägte Verfaserung vor. Dies hat zur Folge, dass das Knochenmark immer weniger Blutzellen produziert. Dies betrifft alle Arten von Blutzellen, d. h. sowohl die Blutplättchen als auch die weißen Blutkörperchen und roten Blutkörperchen. Hauptsächlich reduzieren sich jedoch die Blutplättchen und die roten Blutkörperchen.

Weniger Blutplättchen – erhöhte Blutungsneigung

Wenn in der späten Phase der Myelofibrose zu wenige Blutplättchen vorhanden sind, ist die Blutgerinnung beeinträchtigt. Es kann bereits bei kleinen Verletzungen zu stärkeren und länger andauernden Blutungen kommen.

Blutarmut – wenn es an roten Blutkörperchen mangelt

Eine verringerte Anzahl roter Blutkörperchen führt zu einer Blutarmut (Anämie), mit Symptomen wie Müdigkeit und Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit. Eine Anämie kann sich auch bereits in den früheren Stadien der Myelofibrose entwickeln. Dann ist sie jedoch meist weniger ausgeprägt und ruft oft keine oder kaum körperliche Beschwerden hervor. Je weiter die Anämie fortschreitet, desto mehr Symptome machen sich bemerkbar.

Splenomegalie – die Vergrößerung der Milz

Wenn die Blutbildung weniger im Knochenmark und zunehmend in der Milz und der Leber stattfindet, werden diese Organe im Verlauf der Myelofibrose immer größer. Die Vergrößerung der Milz heißt Splenomegalie.

In der späten Phase liegt häufig eine sogenannte Riesenmilz vor, die Schmerzen im oberen Bauchbereich hervorrufen kann. Zudem ist es möglich, dass die Milz so groß wird, dass sie andere Organe wie den Magen und Darm verdrängt. Dies kann negative Auswirkungen auf die Nahrungsaufnahme und die Verdauung haben.

WAS SIE TUN KÖNNEN

Sprechen Sie Beschwerden frühzeitig beim Arzt an. Per Ultraschall oder Abtasten   kann er eine eventuelle Vergrößerung der Milz gut erkennen. Lassen Sie sich jährlich kontrollieren, denn Veränderungen können ein Anlass sein, die Therapie umzustellen. Hintergrund ist, dass zwischen der Größe der Milz und der Prognose ein Zusammenhang besteht. Je eher hier die Therapie einsetzt, umso erfolgreicher lässt sich die Milz auch wieder verkleinern.

WIE ERKENNT MAN EINE MYELOFIBROSE?

Die Myelofibrose – am Anfang oft unauffällig

Vielleicht wurde auch bei Ihnen die Myelofibrose (MF) erst in einem späteren Stadium diagnostiziert. Denn oft stellen Ärzte eine Myelofibrose erst dann fest, wenn die Erkrankung bereits weiter fortgeschritten ist. Das liegt daran, dass in der Anfangsphase meist gar keine Symptome auftreten.

  • Selbst wenn vor der Diagnose ernste Gefäßkomplikationen wie Thrombosen auftreten – wegen der geringen Spezifität dieser Ereignisse werden viele Ärzte zunächst an andere, häufigere Auslöser denken.
  • Symptome wie Müdigkeit und Gewichtsabnahme, aufgrund derer der Betroffene schließlich zum Arzt geht, machen sich in der Regel erst in der Spätphase bemerkbar.
  • Manchmal entdeckt der Arzt erste Hinweise auf eine MF zufällig bei einer Routineuntersuchung. Hier sind häufig ungewöhnliche Laborwerte des Blutes der Auslöser. Eine erhöhte Anzahl von Thrombozyten (Thrombozytose) bzw. eine Anämie, aber auch eine Vergrößerung der Milz können Anzeichen für eine MF sein.

Drei Elemente der Diagnose Myelofibrose

Wenn der Verdacht auf eine Myelofibrose besteht, wird Ihr Arzt folgende Untersuchungen durchführen: eine allgemeine Untersuchung mit ausführlicher Anamnese (das heißt, mit Fragen zu Ihrer Vorgeschichte), ein Blutbild und weitere molekulargenetische und Knochenmarkuntersuchungen.

Leben mit MF Grafik Elemente Diagnose
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Die allgemeine Untersuchung: wichtige Anzeichen der MF

Ihr Arzt wird Sie bei Verdacht auf eine Myelofibrose fragen, ob Sie unter typischen Symptomen leiden. Häufige Blutungen, wie z. B. Nasenbluten, oder Blutarmut (Anämie) und die damit verbundene Blässe und Leistungsschwäche können auf eine Myelofibrose hinweisen. Die Symptome können aber auch bei vielen  anderen  Erkrankungen  vorkommen.

Ihr Arzt wird bei Verdacht auf eine Myelofibrose im Rahmen einer körperlichen Untersuchung auch überprüfen, ob eine Milzvergrößerung (Splenomegalie) vorliegt. Auch die Leber kann vergrößert sein.

Eine erste Einschätzung kann der Arzt geben, indem er den Bauch abtastet. Die genaue Größe der Milz lässt sich mit einer Ultraschall-Untersuchung feststellen.

Normale Milz (links) und Riesenmilz als Folge der Myelofibrose (rechts)

Leben mit MF Grafik Milz
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Ein Hinweis in Richtung Myelofibrose können auch aktuelle oder vergangene thromboembolische Ereignisse wie Thrombosen sein.

Kriterien wie Anämie und vergrößerte Milz können sowohl in einer frühen Phase, in der das Knochenmark nur leicht verfasert ist (präfibrotische Myelofibrose) als auch in einer späteren Phase mit stärker verfasertem Knochenmark (fibrotische Myelofibrose) auftreten.

Um eine Myelofibrose sicher festzustellen, werden weitere Untersuchungen notwendig. Besteht der Verdacht auf eine Myelofibrose oder eine andere Erkrankung des Blutes bzw. des Knochenmarks, kann die Überweisung zum Hämatologen, dem Facharzt für Blutkrankheiten, sinnvoll sein.

Das Blutbild liefert ersten Verdacht auf Myelofibrose

Bei der Blutuntersuchung (Blutbild) lässt sich unter anderem feststellen, ob die Anzahl der Blutzellen verändert ist. Die Veränderung bestimmter Blutzellen kann auf eine Myelofibrose hindeuten.

  • In der Frühphase der MF sind insbesondere die Blutplättchen (Thrombozyten) betroffen. In der Regel ist auch die Anzahl der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) erhöht.
  • In der Spätphase der Myelofibrose lassen sich zu wenige funktionsfähige Blutzellen nachweisen. Dies gilt nicht nur für die Blutplättchen und die weißen Blutkörperchen, sondern auch für die roten Blutkörperchen (Erythrozyten). Ein Mangel an roten Blutkörperchen kann zu einer Blutarmut führen, die sich beispielsweise in einer verminderten Leistungsfähigkeit äußert.
  • Bei den roten Blutkörperchen kommt es durch die Blutbildungsstörung zu weiteren Veränderungen, die zum Beispiel ihre Form betreffen. So erscheinen einige rote Blutkörperchen im Blutbild nicht mehr rund, sondern weisen eine sogenannte „Tränentropfenform“ auf. Zudem kann sich durch die Myelofibrose auch die Größe einzelner Blutkörperchen verändern.
  • Häufig liegen bei einer Myelofibrose erhöhte LDH-Werte im Blut vor. LDH (Laktatdehydrogenase) ist ein Enzym, das bestimmte Vorgänge im Stoffwechsel der Zellen ermöglicht. Erhöhte LDH-Werte weisen unter anderem auf die Schädigung eines bestimmten Organs, wie Milz und Leber, hin.

Molekulargenetische Untersuchung ergibt zusätzliche Hinweise

Bei einer Myelofibrose können auch genetische Veränderungen vorliegen, zum Beispiel Mutationen  bei den an der Zellteilung beteiligten Enzymen JAK2 oder CALR. In ungefähr der Hälfte aller Fälle liegt die sogenannte JAK2-Mutation vor. Diese lässt sich mittels einer speziellen Labormethode anhand einer Blutprobe nachweisen.

Ein positiver Befund zeigt, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit eine myeloproliferative Erkrankung besteht. Die JAK2-Mutation kann jedoch bei allen Formen der myeloproliferativen Erkrankungen auftreten. Der Test allein sagt daher nichts darüber aus, ob es sich um eine Myelofibrose handelt.

Da diese Mutation nicht bei allen Patienten mit Myelofibrose auftritt, bedeutet das: Auch wenn keine Mutation festgestellt wurde, kann man trotzdem an Myelofibrose erkrankt sein.

Entscheidend ist die Knochenmarkpunktion

Das Blutbild und die körperlichen Beschwerden bei einer Myelofibrose können anderen myeloproliferativen Erkrankungen wie z. B. der Polycythaemia vera sehr ähnlich sein. Daher ist eine Knochenmarkpunktion erforderlich, um die Diagnose zu sichern.

Hierbei entnimmt der Arzt eine Gewebeprobe aus dem Knochenmark und lässt sie im Labor unter dem Mikroskop untersuchen. Das Knochenmark wird in der Regel aus dem Beckenknochen gewonnen. Für  die Knochenmarkpunktion ist eine örtliche Betäubung an der Entnahmestelle und keine Vollnarkose  nötig.

Im Labor lässt sich mithilfe bestimmter Einfärbungen schließlich feststellen, ob sich das Knochenmark verändert hat und ob bereits eine Vermehrung des Bindegewebes vorliegt (Faserbildung, auch Fibrose genannt).

Die verschiedenen Formen der myeloproliferativen Erkrankungen weisen jeweils ein anderes Erscheinungsbild des Knochenmarkgewebes auf. Daher kann der Arzt meist sicher erkennen, ob es sich tatsächlich um eine Myelofibrose handelt. Diese Beurteilung erfolgt in der Regel durch einen Facharzt, der Zell- und Gewebeproben untersucht: den Hämatopathologen.

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Die Knochenmarkpunktion
Erfahren Sie mehr über die Durchführung der Knochenmarkpunktion unter: Knochenmarkpunktion: Entnahme von Zell- und Gewebeproben

Wann gilt die Diagnose Myelofibrose als gesichert?

Für die eindeutige Diagnose einer Myelofibrose müssen verschiedene Kriterien erfüllt sein, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) festgelegt wurden. Eine Myelofibrose gilt dann als gesichert,      wenn sich alle Hauptkriterien und mindestens ein Nebenkriterium bestätigt haben:

Hauptkriterien

  • Typischer  Knochenmarksbefund
  • Nachweis einer Mutation (z. B. JAK2)
  • Ausschluss einer anderen Knochenmarkserkrankung

Nebenkriterien

  • MF-typisch verändertes Blutbild
  • Erhöhte Laktatdehydrogenase (LDH)
  • Anämie (Blutarmut)
  • Vergrößerte Milz

KONTROLLUNTERSUCHUNGEN: HANDLUNGSBEDARF ERKENNEN!

Ein sehr wichtiger Bestandteil Ihrer Behandlung sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen mit dem Ziel, die Entwicklung der Krankheit zu überwachen. Dabei passt Ihr Arzt Art und Umfang der Kontrollen an Ihre jeweilige Situation an. Er berücksichtigt beispielsweise den individuellen Verlauf der Erkrankung sowie die Form der Therapie und die Behandlungsphase, in der Sie sich befinden.

Warum sind Kontrollen so wichtig?

Es gibt verschiedene Gründe, die dafür sprechen, sich und seine Erkrankung regelmäßig kontrollieren  zu lassen:

  • Watch-and-Wait-Strategie: Betroffene, die keine Beschwerden haben und bei denen die Anzahl der Blutzellen weitgehend normal ist, werden zunächst nicht behandelt, sondern nur beobachtet. Trotzdem sind regelmäßige Kontrollen notwendig, damit der Arzt ein Fortschreiten erkennen und frühzeitig eine Behandlung einleiten kann.
  • Beurteilung des Behandlungserfolgs: Wenn Ihre Beschwerden mit Medikamenten behandelt werden, lässt sich durch regelmäßige Verlaufskontrollen der Behandlungserfolg beurteilen. Falls erforderlich, kann Ihr Arzt die Therapie anpassen.
  • Nebenwirkungen: Auch Begleiterscheinungen und Nebenwirkungen einer medikamentösen Behandlung können im Zuge der Kontrollen erkannt und therapiert werden.
  • Akute Myeloische Leukämie: Eine Myelofibrose kann in eine sogenannte Akute Myeloische  Leukämie übergehen. Durch regelmäßige Kontrolluntersuchungen kann Ihr Arzt Anzeichen hierfür rechtzeitig erkennen und eine entsprechende Therapie veranlassen.
  • Stammzelltransplantation: Patienten, bei denen eine Stammzelltransplantation durchgeführt  wurde, werden vorübergehend mit Medikamenten behandelt, die das Immunsystem unterdrücken. Auch hier sind regelmäße Kontrolluntersuchungen erforderlich.
  • rperliche und seelische Probleme: Nicht zuletzt kann der Arzt den Patienten unterstützen, wenn dieser infolge der Krankheit körperliche und/oder seelische Probleme hat.

Welche Untersuchungen brauche ich?

Die körperliche Untersuchung und ein Gespräch mit dem Arzt (Anamnese) sollen Hinweise auf den Verlauf der Erkrankung und Ihr aktuelles Befinden geben.

Das Blutbild zeigt Ihrem Arzt, wie sich Anzahl und Form der Blutzellen verändern. Die Ergebnisse lassen Rückschlüsse auf den Krankheitsverlauf und den Erfolg der Behandlung zu. Falls erforderlich, kann die Therapie umgestellt werden.
Die zeitlichen Abstände sind individuell und richten sich nach Behandlungsform, Behandlungsphase und dem individuellen Verlauf.
Zu Beginn der Erkrankung sind eher kurzfristige Kontrollen nötig, in einer stabilen Phase Kontrollen mit viertel- bis halbjährlichem Abstand.
Ultraschalluntersuchungen zeigen dem Arzt die genaue Größe der Milz und Leber.
Knochenmarkuntersuchungen sind im weiteren Verlauf nur selten nötig. Nach der Absicherung der Diagnose Myelofibrose durch eine Punktion wird eine erneute Untersuchung etwa alle drei bis fünf Jahre empfohlen. Dies hängt vom Krankheitsverlauf und der Veränderung der Blutwerte ab.

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Die normale Blutbildung

Stammzellen sind Körperzellen, die in verschiedene Zelltypen oder Gewebe ausreifen können: Im Knochenmark entwickelt sich eine gesunde Stammzelle über verschiedene Vorstufen zu funktionsfähigen Blutzellen, zum Beispiel zu

  • roten Blutkörperchen (Erythrozyten)
  • weißen Blutkörperchen (Leukozyten)
  • Blutplättchen (Thrombozyten)

Diese Blutbildung bezeichnet man als Hämatopoese.

Im Knochenmark haben wir normalerweise Blutzellen verschiedener Reifungsstufen, die in Bindegewebe eingelagert sind. Auch ein gesundes Knochenmark enthält demnach sowohl Blutzellen als auch Bindegewebe. Bei der Myelofibrose ist die Bildung von Bindegewebe im Knochenmark jedoch deutlich gesteigert.

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Kennzeichen MPN: die Überproduktion von Blutzellen

Die Primäre Myelofibrose (PMF), die ohne direkte Vorläufererkrankung auftritt, zählt  zusammen mit der Polycythaemia vera (PV) und der Essentiellen Thrombozythämie (ET) zu den sogenannten Myeloproliferativen Neoplasien, kurz MPN. Bei all diesen Erkrankungen ist das gemeinsame Kennzeichen die Überproduktion von Blutzellen:

  • Bei der Myelofibrose (MF) ist vor allem die Anzahl der Blutplättchen und der weißen Blutkörperchen erhöht
  • Die Polycythaemia vera (PV) betrifft besonders die roten Blutkörperchen
  • Die Chronische myeloische Leukämie (CML) betrifft vor allem die weißen Blutkörperchen
  • Bei der Essentiellen Thrombozythämie (ET) kommt es zu einer übermäßigen Vermehrung der Blutplättchen

Die Polycythaemia vera und die Essentielle Thrombozythämie können übrigens als Vorläufer- Erkrankungen der Myelofibrose auftreten. Diese Form heißt dann sekundäre Myelofibrose und unterscheidet sich bei der Zahl der Erkrankungen und beim Risiko-Score von der primären Myelofibrose.

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Veränderungen im Knochenmark bei Myelofibrose

Bei der Myelofibrose handelt es sich um eine bösartige Erkrankung, die zu einer zunehmenden Verfaserung des Knochenmarks führt und die Blutbildung stark beeinträchtigt.

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1. Blutbildendes Knochenmark findet sich beim gesunden Erwachsenen vor allem in den langen Röhrenknochen, den Rippen und den platten Knochen wie Becken oder Schulterblatt.

2. Im Knochenmark befinden sich Stammzellen, die sich über mehrere Stufen zu den unterschiedlichen Blutzellen entwickeln können.

3. Bei der Myelofibrose führt eine krankhafte Vermehrung einzelner Stammzellen dazu, dass zunächst zu viele Blutzellen gebildet werden (frühe Phase). Diese Blutzellen setzen Wachstumsfaktoren frei, die Zellen im Knochenmark zur Faserbildung anregen.

Normales Knochenmark eines gesunden Erwachsenen

Das Knochenmark besteht aus einer besonderen Form des Bindegewebes, in das die Stammzellen und Blutzellen eingebettet sind. Dieses Bindegewebe wird von den sogenannten Retikulumzellen (Fibroblasten) gebildet.

Knochenmark bei Myelofibrose (späte Phase)

Bei der Myelofibrose werden die Retikulumzellen (Fibroblasten) des Knochenmarks durch Wachstumsfaktoren stimuliert, die von roten Blutkörperchen und Blutplättchen gebildet werden. Dies führt dazu, dass mehr Bindegewebe gebildet wird. Das Knochenmark „verfasert“ zunehmend. Es werden immer weniger reife und funktionsfähige Blutzellen gebildet.

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Die vier Risikogruppen bei der Myelofibrose

Die Risikofaktoren bei einer Myelofibrose, welche die Erkrankung beeinflussen, sind folgende:

  • Alter über 65 Jahre
  • Blutarmut (Hämoglobinwert < 10 g/dl)
  • Erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen (> 25 Millionen/ml Blut)
  • Mindestens ein konstitutionelles Symptom (Nachtschweiß, Gewichtsverlust, Fieber)
  • 1 % oder mehr unreife Blutzellen (sog. Blasten) im Blut

Für jeden Faktor wird ein Punkt vergeben, für eine Blutarmut zwei. Symptome zählen als ein Risikofaktor, unabhängig von ihrer Gesamtanzahl. Anhand der vorliegenden Punkte wird die MF in diese vier Risikogruppen eingeteilt:

Risikogruppen bei Myelofibrose

Risikogruppe                  Anzahl Punkte
Hoch                                                            ≥ 3
Mittel (intermediär)-2 2
Mittel (intermediär)-1 1
Niedrig 0

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Knochenmarkpunktion: Entnahme von Zell- und Gewebeproben

Für die Entnahme sticht der Arzt zunächst mit einer Punktionsnadel in den Knochen. Das Knochenmark lässt sich normalerweise mittels Aspiration gewinnen: Dazu saugt der Arzt mit einer Spritze flüssiges Knochenmark aus der Punktionsnadel an. Darüber hinaus führt der Arzt eine Stanzbiopsie durch. Hierbei sticht er mit der Punktionsnadel einen kleinen Gewebezylinder aus dem Knochenmark heraus.

Wenn eine fortgeschrittene Verfaserung vorliegt, kann es vorkommen, dass sich bei der Aspiration kein flüssiges Knochenmark ansaugen lässt. Dieses Phänomen nennt man „trockenes Mark“ oder „Punctio sicca“. In diesem Fall erfolgt die Diagnosestellung allein anhand des Gewebezylinders.

Referenzen:

  1. Onkopedia Leitlinie Primäre Myelofibrose. Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO). Verfügbar unter www.onkopedia.com/de/onkopedia/guidelines/primaere-myelofibrose-pmf/@@view/pdf/index.pdf (zuletzt besucht am 15.04.2019)
  2. mpn-netzwerk e.V. Primäre Myelofibrose – Antworten auf häufig gestellte Fragen. Stand: Oktober 2016. Verfügbar unter     www.mpn-netzwerk.de/fileadmin/dokumente/PMF_Broschuere_2018.pdf (zuletzt besucht am 15.04.2019)
  3. Kompetenznetz Leukämie. Verfügbar unter w w w.kompetenznetz-leukaemie.de/content/patienten/leukaemien/ (zuletzt besucht am 15.04.2019)
  4. Herold G. Innere Medizin. Selbstverlag. ISBN: 978-3-9814660-8-9. Köln 2019.
  5. Juliusson G et al. Acute myeloid leukemia in the real world. Why population-based registers are needed. Blood 119:3890-3899, 2012.
  6. Murphy K et al. Janeway Immunologie, Spektrum, Heidelberg, 2009.